SW Check Logo
Stilllegung und Rückbau nicht mehr benötigter Gasnetzsegmente
Adressierte Fähigkeiten
  • Bereitstellung grüner Gase
Voraussetzungen

Abgeschlossene Bestandsaufnahme der Gasinfrastruktur (GIS-Daten, Leitungskataster, Zustandsdaten); Vorliegende Transformationsstrategie mit Entscheidung, welche Segmente nicht weiterbetrieben werden; Identifikation aller betroffenen Anschlussnehmer und Klärung alternativer Versorgungsoptionen

Kurzbeschreibung

Der Rückbau von Gasnetzabschnitten ist eine operative Maßnahme zur Bereinigung des Netzbestands: Nicht mehr benötigte, redundante oder langfristig nicht wirtschaftlich betreibbare Leitungssegmente werden systematisch identifiziert und schrittweise stillgelegt oder physisch zurückgebaut. Die Maßnahme setzt unmittelbar auf den Ergebnissen der Bestandsaufnahme der Gasinfrastruktur und der Strategie zur Transformation des Gasnetzes auf, in der die grundsätzliche Entscheidung über Erhalt, Umrüstung oder Rückbau einzelner Netzsegmente bereits gefallen ist. In der Praxis ist zwischen zwei Stufen zu unterscheiden: der Stilllegung (druckloses, gespültes und gesichertes Außerbetriebnehmen einer Leitung, die vorerst im Boden verbleibt) und dem anschließenden physischen Rückbau (Ausbau der Leitung inkl. Verfüllung und Wiederherstellung der Oberfläche). Beide Schritte unterliegen den Anforderungen des DVGW-Arbeitsblatts G 402 sowie einschlägiger bau- und umweltrechtlicher Vorschriften. In der Planungsphase ist zudem zu prüfen, ob stillzulegende Segmente perspektivisch für eine alternative Nutzung, z.B. als Teil eines H₂-Pilotnetzes, infrage kommen, bevor eine endgültige Rückbauentscheidung getroffen wird. Grundlage der Rückbauplanung ist eine belastbare GIS-gestützte Analyse der Netztopologie, der Versorgungsabhängigkeiten und des technischen Zustands der betroffenen Abschnitte. Auf dieser Basis wird ein risikobasierter Rückbaufahrplan erstellt, der sowohl die technische Priorisierung (Zustand, Lage, Betriebskosten) als auch wirtschaftliche Kriterien und Versorgungssicherheitsaspekte berücksichtigt. Dabei ist sicherzustellen, dass keine aktiven Versorgungspfade unterbrochen werden und alle betroffenen Anschlussnehmer rechtzeitig identifiziert sowie gegebenenfalls auf alternative Versorgungslösungen (z. B. Fernwärme, Wärmepumpe) umgestellt werden. Ein oft unterschätzter Aspekt ist die regulatorische Behandlung rückgebauter Anlagen: Da zurückgebaute Assets aus der Regulierungsbasis (RAB) ausscheiden, hat dies direkte Auswirkungen auf die Netzentgelte und muss frühzeitig mit der zuständigen Regulierungsbehörde (Landesregulierungsbehörde oder Bundesnetzagentur) abgestimmt werden. Ebenso sind beim physischen Rückbau Fragen des Boden- und Umweltschutzes zu klären, insbesondere bei älteren Leitungen mit teer- oder asbesthaltigen Ummantelungen. Eine offene und frühzeitige Kommunikation mit betroffenen Anschlussnehmern, Behörden und ggf. Anwohnern ist essenziell, um Konflikte zu vermeiden und die notwendigen Genehmigungen zügig zu erhalten. Nach Abschluss des Rückbaus sind Bestandspläne und GIS-Daten zeitnah zu aktualisieren, um eine konsistente Datenbasis für die weitere Netzplanung sicherzustellen. Die Maßnahme führt zu einer nachhaltigen Senkung der Betriebskosten, einem reduzierten Instandhaltungsaufwand und einer verbesserten Übersichtlichkeit des Netzbestands. Zugleich erhöht sie die Versorgungssicherheit, indem unnötige Netzstrukturen mit potenziellen Leckage- oder Störungsrisiken beseitigt werden.

Aufwand
Personeller Aufwand
hoch
Zeitlicher Rahmen
hoch
Komplexität
mittel
Ressourcen

Personelle Ressourcen:

  • Projektmanagement zur Koordination und Planung
  • Fachkräfte aus der Netzplanung
  • Personal zur Stakeholder-Koordination und Kommunikation
  • Personal für die Baumaßnahmen vor Ort

Materielle Ressourcen:

  • GIS-System mit aktuellen Bestandsdaten
  • Druckprüf- und Spülausrüstung für Stilllegung
  • Bauausrüstung für Tiefbau (eigen oder beauftragt)
  • Messgeräte zur Restsgas-Kontrolle vor Rückbau
  • Entsorgungslogistik für Rohrmaterialien (ggf. Sonderentsorgung bei Altmaterialien)
Möglicher Ablauf
  1. Vorbereitung und Entscheidung (Bestandsaufnahme und Transformationsstrategie
  2. Identifikation rückbaufähiger Segmente
  3. Prüfung alternative Nutzung
  4. Identifikation betroffener Anschlussnehmer)
  5. Planung und Genehmigung (Rückbaufahrplan, Genehmigung, Information und Koordination betroffener Anschlussnehmer, Ausschreibungen)
  6. Stilllegung
  7. Physischer Rückbau
  8. Nachbereitung
Risiken
  • Unvollständige oder veraltete GIS-Daten führen dazu, dass aktive Versorgungsleitungen fälschlicherweise als rückbaufähig eingestuft werden und die Versorgungssicherheit von Anschlussnehmern gefährdet wird
  • Durch unentdeckte Altmaterialien (z. B. teerummantelte Leitungen, asbesthaltige Dichtungen) entstehen beim physischen Rückbau unvorhergesehene Sonderentsorgungskosten und behördliche Auflagen, die den Zeitplan erheblich verzögern
  • Eine vorschnelle Rückbauentscheidung ohne Prüfung alternativer Nutzungspotenziale (z. B. H₂-Pilotabschnitt) führt dazu, dass strategisch wertvolle Infrastruktur unwiederbringlich verloren geht
  • Mangelnde Koordination mit anderen Infrastrukturträgern (z. B. Strom, Wasser, Telekommunikation) im selben Trassenbereich führt zu unnötigen Doppelaufgrabungen und erhöhten Gesamtkosten
  • Unzureichende Aktualisierung der GIS- und Bestandsdaten nach Rückbau führt dazu, dass nachfolgende Planungs- und Optimierungsmaßnahmen auf fehlerhaften Netzdaten basieren
Erfahrungen aus der Praxis