
Definierte Vertriebsstrategie für grüne Produkte; Bilanzkreiszugang; IT-Basisinfrastruktur
Der Vertrieb grüner Stromprodukte – ob Ökostromtarif, Regionalstrom, zeitgleich bilanzierter Grünstrom oder dynamischer Tarif – setzt voraus, dass auf der Beschaffungsseite die entsprechenden Mengen in geeigneter Qualität (Herkunftsnachweise, Regionalität, Zeitgleichheit) verfügbar sind. Die vorliegende Maßnahme adressiert den systematischen Aufbau und die Erweiterung eines Beschaffungsportfolios, das diese Produktvielfalt im Vertrieb erst ermöglicht und gleichzeitig Preisrisiken angemessen abfedert. Viele Stadtwerke beziehen ihren Strom heute über vollstrukturierte Beschaffungsverträge bei einem einzelnen Vorlieferanten, der das gesamte Portfoliomanagement übernimmt. Dieses Modell bietet zwar geringen internen Aufwand, schränkt jedoch die Möglichkeit ein, differenzierte grüne Vertriebsprodukte eigenständig zu gestalten, da die Beschaffungsstruktur die verfügbaren Produkteigenschaften (Herkunft, Regionalität, Zeitbezug) vordefiniert. Der erste Schritt besteht typischerweise im Übergang zur eigenständigen Tranchenbeschaffung, bei der der prognostizierte Bedarf in zeitlich gestaffelte Tranchen aufgeteilt und über den Terminmarkt (EEX-Futures oder OTC-Forwards) eingedeckt wird. Darauf aufbauend wird das Portfolio gezielt um Beschaffungskanäle erweitert, die spezifische Vertriebsprodukte ermöglichen: Green Power Purchase Agreements (PPAs) liefern die Grundlage für Grünstromprodukte mit nachvollziehbarer Herkunft und stabilem Preispfad; regionale PPAs mit Regionalnachweisen (RNW) ermöglichen Regionalstromtarife; der kurzfristige Spotmarktzugang (EPEX Day-Ahead, Intraday) schafft die technische Voraussetzung für dynamische Tarife; Eigenerzeugungskapazitäten erlauben lokale Energieprodukte wie Mieterstrom oder Community-Strom; und der ergänzende Zukauf von Herkunftsnachweisen (HKN) ermöglicht die Zertifizierung weiterer Ökostrommengen. PPAs können nicht nur zur Eigenversorgung des Stadtwerks dienen, sondern auch als sogenannte Sleeved PPAs an Gewerbe- und Industriekunden weitergegeben werden – das Stadtwerk übernimmt dabei die Strukturierung (Profilmanagement, Residualmengen) und ermöglicht dem Kunden einen vereinfachten Zugang zu nachweisbarem Grünstrom. Voraussetzung für die Umsetzung ist eine formalisierte Beschaffungsrichtlinie mit definierten Risikolimits, Entscheidungsbefugnissen und Eskalationswegen. Stadtwerke ohne eigene Handelsabteilung können die operative Umsetzung über spezialisierte Portfoliomanagement-Dienstleister oder kommunale Beschaffungskooperationen realisieren, sollten aber die strategische Steuerung – insbesondere die Verknüpfung mit der Vertriebsstrategie – intern verankern. Die Integration in das bestehende Bilanzkreismanagement ist sicherzustellen, da jeder Beschaffungskanal in die Bilanzkreisabrechnung einfließt und die Nachweisführung (HKN, RNW) an bilanzielle Strukturen gekoppelt ist. Die Beschaffungsstrategie muss eng mit der Vertriebsplanung verzahnt werden: Jede Produktinnovation im Vertrieb erfordert einen korrespondierenden Beschaffungskanal, der rechtzeitig aufgebaut sein muss. Eine regelmäßige Abstimmung zwischen Portfoliomanagement und Produktentwicklung stellt sicher, dass Beschaffungs- und Vertriebsstrategie synchron bleiben. Die Maßnahme stärkt dadurch nicht nur die Preisstabilität, sondern erweitert den strategischen Handlungsspielraum des Vertriebs und unterstützt die Erreichung kommunaler Dekarbonisierungsziele durch eine nachweisbar grüne Beschaffungsbasis.